Cop meets Bookworm

Leseprobe

1

„Hast du auf Edwards Hochzeit auch getanzt, Onkel Tony?“

Erwartungsvoll sah die kleine Brianna zu Tony hinüber und kniff schnell die Augen zusammen, als die Sonne sie blendete. Dabei kräuselte sich ihre kleine Nase und die winzigen Sommersprossen wirkten dadurch noch frecher als sonst. 

Tony schmunzelte amüsiert. Sein Patenkind wurde einfach nicht müde, ihn über das vergangene Wochenende auf Cape Cod auszufragen.

Neben der Rolle des Trauzeugen hatte Tony auch einen beachtlichen Teil der Organisation übernommen, damit die Strandhochzeit für alle unvergesslich wurde.

„Na klar hab ich getanzt“, erwiderte Tony lächelnd.

Fürsorglich rückte er Brianna die Baseballmütze zurecht, die er ihr vor kurzem geschenkt hatte – ein pinkfarbenes Pendant zu seiner blauen Yankees-Cap.

Wenn sie in seinem Cabrio unterwegs waren, war die Kopfbedeckung Pflicht – ebenso wie die Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50, die er neuerdings ständig mit sich herumschleppte.

Es war Sommer in New York City und Tony genoss seinen Urlaub sowie die gemeinsame Zeit mit seiner Patentochter Brianna.

„Mit wem?“, fragte sie ihrem Patenonkel dann in ihrer kindlichen Neugier weiter Löcher in den Bauch.

„Mit der Braut natürlich, dann mit meiner Mom, und lass mal überlegen, hmm …“

Während ihr Onkel Tony grübelte, hielt Brianna angespannt die Luft an und hoffte, dass er sonst niemanden mehr aufzählen würde – sie wünschte sich nichts sehnlicher, als dass er und ihre Mom ein Paar wurden.

Ihr Dad hätte bestimmt nichts dagegen!

Leider sah ihre Mom die Sache etwas anders. Heute Abend hatte sie schon wieder ein Date mit diesem blöden Douglas. Brianna konnte Douglas nicht besonders leiden – er roch irgendwie komisch. Ganz anders als Onkel Tony. Dessen Geruch mochte sie. Er erinnerte sie an Zimt und Apfelkuchen …

Tony sah die Kleine prüfend an. „Na und mit dir hätte ich natürlich auch sehr gerne getanzt, aber du wolltest ja unbedingt zu Brendas Party!“ 

Brenda war Briannas beste Freundin, außerdem besuchten sie dieselbe Vorschule und hatten eine Vorliebe für die Farbe pink …

Brianna verdrehte gespielt genervt die Augen. „Onkel Tony, das war meine erste Einladung. Ich konnte leider nicht absagen, es war eine Party nur für Prinzessinnen!“

Tony konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und schüttelte amüsiert den Kopf.

Kaum zu glauben, dass die Kleine schon auf Partys ging! Glücklicherweise waren es im Moment nur Prinzessinnen-Partys. Allein die Vorstellung welche Art von Partys sie in zehn Jahren besuchen würde, bescherte ihm bereits jetzt Bauchschmerzen.

Seine Gedanken wanderten zu Jack, Briannas Dad, der mittlerweile seit eineinhalb Jahren tot war. Lange Zeit hatte sich Tony die Schuld für dessen Tod gegeben, denn sein ehemaliger Partner war während eines gemeinsamen Einsatzes ums Leben gekommen. Mittlerweile konnte Tony zwar besser mit den Schuldgefühlen umgehen, doch es brach ihm das Herz, dass Brianna ihm alles erzählte und nicht ihrem Dad, wie es hätte sein sollen.

Tonys roter Ford Mustang passierte die Brooklyn Bridge. Auf Außenstehende mussten die beiden wie Vater und Tochter wirken, die gemeinsam einen wunderschönen Sommertag genossen. Sogar äußerlich war die Ähnlichkeit zwischen ihnen verblüffend.

Tony schaltete das Radio ein und sang lauthals mit, als ein Rocksong von Bon Jovi erklang.

Brianna liebte es, wenn ihr Patenonkel sang – dabei wirkte er immer so glücklich.

Übermütig nickte sie jetzt mit dem Kopf, sodass ihr blonder Pferdeschwanz wie wild auf und ab hüpfte – sie konnte sich einfach keinen cooleren Onkel vorstellen! 

Sie hatte es heute früh kaum erwarten können, endlich von ihm abgeholt zu werden, und freute sich nun riesig aufs Eis essen und den Park.

Da ihre Mom nächste Woche arbeiten musste, hatte sich Onkel Tony sogar angeboten, jeden Nachmittag auf sie aufzupassen. Ihre Sommerferien konnten nicht besser werden! Sie wollte mit ihm unbedingt in den neuen Buchladen gehen, der vor zwei Wochen eröffnet hatte. Mit ihrer Mom war sie bereits zweimal dort gewesen.

Brianna liebte die Kinderabteilung schon jetzt über alles – nicht nur weil es dort alle Bücher von Hamster Jimmy gab – sondern auch, weil ihre Mom und sie dort den besten Kakao auf der ganzen Welt getrunken hatten!

Demnächst würde es sogar eine Lesung geben. Das wusste sie von der netten Verkäuferin, die jedes Buch über Hamster Jimmy gelesen und ihr sogar ein paar Lesezeichen geschenkt hatte. 

„Onkel Tony? Was ist dein Lieblingsbuch?“

Interessiert setzte sich Brianna nun auf und musterte ihren Patenonkel eingehend von der Seite.

Tony fühlte sich unbehaglich. Irgendwie in die Enge getrieben, von der harmlosen Frage einer Fünfjährigen. Wie sollte er der Kleinen erklären, dass sich seine literarischen Ausflüge hauptsächlich auf Polizeiberichte beschränkten! Er konnte sich nicht erinnern, dass er jemals rein zum Vergnügen ein Buch, geschweige einen Roman gelesen hatte.

„Ähm ja, hmm“, druckste der blonde Cop, ehe er antwortete. „Nun, ehrlich gesagt hab ich kein Lieblingsbuch.“

„Aber wie heißt das letzte Buch, das du gelesen hast?“ Brianna ließ einfach nicht locker.

Tony rückte seine Baseballcap zurecht und sah sie entschuldigend an.

„Tut mir leid, Kleine. Es ist ewig her, dass ich etwas gelesen habe.“

Fast bekam Tony ein schlechtes Gewissen, als er Briannas enttäuschten Blick bemerkte.

Während der Schulzeit musste er lesen, aber er hatte es gehasst – irgendwie war ihm das immer zu langweilig gewesen!

Schlagartig wechselte Briannas Gesichtsausdruck. Übers ganze Gesicht strahlend sah sie ihn an. 

„Dann gehen wir am Montag gleich zum Red’s Bookstore, Onkel Tony! Die haben bestimmt auch für dich ein Buch! Abgemacht?“2

Rose rückte ihre Nerdbrille zurecht und goss sich eine weitere Tasse Tee aus der Thermoskanne ein, die griffbereit auf ihrem Schreibtisch stand.

Es war Sonntagmorgen und Elisabeth Rose Stenton hatte heute den ganzen Tag Zeit, um endlich ihr Manuskript zu beenden. 

Die letzten beiden Wochen war sie kaum zum Schreiben gekommen, denn ihr neuer Job bei Red’s hielt sie mächtig auf Trab. Endlich hatte sie einen Job gefunden, der ihr richtig Spaß machte. Vor allem aber verdiente sie hier auch wesentlich mehr Geld als in ihrer Zeit als Kellnerin, wo es meist nur gerade so ausreichte um sich über Wasser zu halten.

Der neue Buchladen war einfach bezaubernd. Aber was Rose am meisten schätzte, war, dass der Eigentümer Wert auf gute Beratung legte. Es ging nicht nur ums Verkaufen, sondern auch um den Service.

Trotzdem war ihr größter Traum, irgendwann einmal vom Schreiben zu leben. Sie sah ihr Buch bereits vor sich. „Der neue Roman der New York Times Bestsellerautorin Elisabeth Rose Stenton.

Ihr Mund verzog sich zu einem zufriedenen Lächeln – man durfte doch wohl noch Träumen …

Ihr Roman brachte sie wirklich an ihre Grenzen, besonders ihr männlicher Hauptcharakter Dylan, den sie liebend gerne mehr als einmal geschüttelt hätte. Seine arrogante und überhebliche Art hatte sie vor eine Herausforderung gestellt.

Im wirklichen Leben verabscheute sie Männer mit einem zu stark ausgeprägten Selbstbewusstsein, und konnte deshalb nur mutmaßen, wie man mit solch einem Exemplar umzugehen hatte. Sie hatte aber auch nicht wirklich vor ihre fehlende Erfahrung in diesem Bereich in naher Zukunft auszubauen, nur um ihren Protagonisten besser zu verstehen – nein danke.

Allerdings musste sie sich doch eingestehen, dass Dylans Charme nicht nur ihrer Protagonistin weiche Knie beschert hatte, sondern auch ihr selbst – obwohl sie versucht hatte bis zum Schluss stark zu bleiben und diesem Kerl eigentlich doch viel lieber den Kopf zurechtgerückt hätte!

Roses bisherige Beziehungen beschränkten sich auf eine kleine Liebelei in der Highschool und auf Randy, der vor einem Monat mit seiner Reisetasche aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen war. Ehrlich gesagt war sie froh, dass sie diesen Schmarotzer endlich los war.

Randy und sie waren zwei Jahre ein Paar gewesen – vor einem halben Jahr hatten sie den Schritt gewagt, gemeinsam nach New York zu ziehen. Anders als Rose, die von Anfang an jede Arbeit annahm, die wenigstens halbwegs etwas Geld einbrachte, weigerte sich Randy hartnäckig einen Job anzunehmen der unter seinem Niveau lag. Daheim in Chesapeake Falls hatte er einen guten Job bei der örtlichen Bank gehabt, hier in New York wollte ihn jedoch niemand einstellen. Zu unerfahren im Finanzwesen … Zu provinziell in der Arbeitsweise … Fadenscheinige Begründungen wieso die Banken Randy ablehnten gab es reichlich. Die meisten davon waren sicherlich stark überzogen gewesen.

Rose griff nach ihrer Tasse Tee. Genießerisch nahm sie einen großen Schluck, während sie verträumt aus dem Fenster schaute und dabei ihre Gedanken weiter schweifen ließ.

Ihr Protagonist Dylan hätte sicher genug Schneid, um sich einen anständigen Job zu suchen – er wäre viel zu stolz, um sich von einer Frau aushalten zu lassen. 

Ein leises Klopfen an der Zimmertür riss sie aus ihren Tagträumen. Keine Sekunde später streckte ihre Mitbewohnerin Mel den Kopf durch den geöffneten Türspalt.

„Ich will nicht lange stören Rose, aber wie wär’s mit Pizza zum Mittag?“, fragte Mel gutgelaunt. 

Überrascht sah Rose auf die Uhr. „Was? Wir haben schon Mittag?“

„Ja, und es wird höchste Zeit, dass du mal ’ne Pause machst! Sitzt ja schon seit vier Stunden am Schreibtisch!“

Immer noch überrascht, griff Rose nach ihrem Wecker. Fassungslos schüttelte sie den Kopf, wobei ihr ordentlich geflochtener Zopf hin und her schwang. 

„Ich wollte heute fertig werden. Ich sitz gerade an der letzten Szene, aber dann …“

Roses Gedanken wanderten erneut zu Dylan, wieder einmal stand sie vor einem „Problem“. Sie wusste einfach nicht, wie sie ihn glaubhaft zeichnen sollte, ohne die üblichen Klischees zu bedienen. Das Blatt drehen konnte, damit er an Sympathie gewann.

Im wirklichen Leben hätte sie mit so einem Typen niemals ein Wort gesprochen, ob es nun vor Scham oder Abneigung war, konnte sie jedoch nicht sagen.

„Ja, ich mach aus. Trete momentan sowieso auf der Stelle und eine Pause kann mir bestimmt nicht schaden.“

„Prima, dann lass uns doch alle zusammen raus gehen bei dem schönen Wetter“, schlug Mel freudig vor. „Simon braucht noch ’ne Minute … wie immer.“

Kurz musste Rose grinsen. Wenn ihre Mutter wüsste, dass sie sich die kleine Wohnung im West Village nicht mehr mit Randy teilte, sondern mit Mel und Simon – einem angehenden Broadwaystar mit Modelmaßen – würde sie daheim in Chesapeake Falls vom Stuhl fallen!

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