Rückkehr nach Cedar Point

Leseprobe

1

Anne MacKenzie schaufelte sich gerade das zweite Stück Käsekuchen auf den Teller, als Moira, Patty und Bess gebannt an ihren Lippen hingen.

Es war der erste Sonntag im Monat – das offizielle Seniorentreffen in Patty’s Patisserie.

Auf dem kleinen Bistrotisch, an dem die vier Damen saßen, stand eine Platte mit einer reichhaltigen Kuchen- und Gebäckauswahl, ebenso wie eine volle Thermoskanne mit Kaffee. Wenn Patty ihre Freundinnen im Laden hatte, pfiff sie auf Etikette und tischte gleich richtig auf, um ja nicht zwischendurch den Tisch verlassen zu müssen. Schließlich wollte sie nichts vom neuesten Tratsch verpassen.

„Catherine ist schon vor einer Woche wieder in ihr Haus gezogen. Sie war nur solange bei uns, bis ihr Ex-Verlobter zur Vernunft gekommen ist“, fuhr Anne entschuldigend fort und legte den Tortenheber wieder auf die Platte zurück.

Moira schüttelte ungläubig den Kopf. 

„Die jungen Leute von heute. Müssen erst ’ne Weile getrennt leben‚ um sich besser kennenzulernen!“

Heute war Moiras freier Tag, denn ihr Mann hielt in der kleinen Pension die Stellung. Sie hatte noch kein einziges Treffen verpasst und besonders heute hatte sie alles dafür getan um auf den neuesten Stand zu kommen. Schließlich war in Cedar Point nicht jeden Tag so viel los wie in den vergangen zwei Wochen. Dabei wollte die neue Grundschullehrerin Catherine Jackson in dem verschlafenen Nest in Pennsylvania nur einen Neuanfang wagen.

Doch sie hatte die Rechnung ohne ihren cholerischen Ex-Verlobten gemacht, der sie in Cedar Point aufspürte und in Angst und Schrecken versetzte, als er sich Zutritt zu ihrem Haus verschafft hatte. Gott sei Dank, waren die MacKenzies, allen voran John für sie da gewesen, um sie für ein paar Tage bei sich aufzunehmen.

Als dann auch noch Johns Ex-Frau aus der Versenkung aufgetaucht war, war das Schlamassel perfekt gewesen. 

„Und deine Ex-Schwiegertochter, ist die auch wieder nach Hause gefahren?“, fuhr Patty neugierig fort und wischte sich wenig elegant einen Krümel von ihrer mächtigen Brust. „Ich hab sie nur kurz durch die Scheibe gesehen, als sie hier vorbeischlich.“ 

Gespannt spitzten die drei Freundinnen die Ohren und warteten auf Details.

„Na, die hat ja kein Zuhause mehr. Stellt euch vor, jetzt hat sie sich einfach an Catherines Ex rangehängt“, erwiderte Anne kopfschüttelnd, „er ist Anwalt!“

Wie ihm Chor gaben die Damen ungläubige Laute von sich und es wurde in dem kleinen Café unruhig, da alle durcheinander tratschten.

„Nein, sag bloß! Sie kennt ihn doch kaum!“, schlug sich Moira theatralisch auf die Brust, ehe sie sich eines der gefüllten Hörnchen auf den Teller legte.

Jetzt mischte sich auch Bess – pensionierte Lehrerin – ein, die bisher nur kritisch zugehört hatte. 

„Unfassbar. Aber so war Melissa schon immer. Wenn sich ihr eine Chance bot, fackelte sie nicht lange.“

Zustimmend nickten ihre Freundinnen ihr zu. 

„Schade nur, dass die kleine Romanze zwischen Catherine und meinem Sohn schon wieder vorüber ist – mir erzählt er ja nichts – aber ich bin mir sicher sie haben sich wenigstens einmal geküsst“, flüsterte Anne verschwörerisch. „Naja, sie sollen nichts überstürzen, schließlich ist Catherine eben erst ihren Verlobten losgeworden.“

Für einen kurzen Moment war es ruhig in dem kleinen Café, als Moira plötzlich aufschrie.

„Wisst ihr schon, dass Dick Burnes wieder in der Stadt ist?“

Wie erwartet, waren das erstaunliche Neuigkeiten, welche die anwesenden Damen in Aufruhr brachten. Dick Burnes – stadtbekannter Rüpel und Unruhestifter – eilte sein Ruf meilenweit voraus. Dies war auch ein Grund gewesen, warum er eine Stelle in Pleasant angenommen hatte – schön weit weg von seiner Heimatstadt, wo ihn sowieso niemand mehr einstellen würde. Mit Sack und Pack war er losgezogen und die ganze Stadt hatte erleichtert aufgeatmet.

Patty fielen bei dieser Neuigkeit fast die Augen aus dem Kopf. 

„Mach keine Witze Moira, woher weißt du das?“, fragte sie ungläubig, ehe sie herzhaft in ihren Cupcake biss.  

„Seine Mutter rief heute früh an – ob ich ihm ein Zimmer vermieten würde – oder wenigstens mit einem Gästebett aushelfen könne!“ 

Mit offenem Mund schaute Patty ihre Freundin an, wobei ihr beinahe die Streusel ihres Cupcakes aus dem Mund fielen. „Stimmt, in das alte Häuschen kann er ja nicht zurück, das hat sein Vater an Catherine vermietet!“

„Arme Imogen“, schüttelte Bess mitfühlend den Kopf, „jetzt muss sie diesen Neandertaler auch noch durchfüttern!“

***

Dick Burnes lümmelte genervt im Sessel und öffnete sich bereits die dritte Flasche Bier an diesem Nachmittag. Das weiße Unterhemd, welches er trug, wies schon einige gelbliche Flecken auf und seine ausgebeulte Jogginghose hatte seit zwei Wochen keine Waschmaschine mehr gesehen. Er nahm einen kräftigen Schluck Bier, während er genervt durchs Fernsehprogramm zappte. Dick ärgerte sich furchtbar, dass seine Eltern das kleine Häuschen am Ortsrand vermietet hatten. Dort hätte er seine Ruhe gehabt, aber ausgerechnet jetzt hatte sich jemand gefunden, der für die baufällige Hütte Geld zahlt. 

Morty und Imogen hatten ihn nur widerwillig wieder bei sich zu Hause aufgenommen, und jetzt hauste er in dem winzigen Zimmer unterm Dach, wo er sich vorhin ein mobiles Klappbett hatte aufbauen müssen! Dick stellte die Bierflasche auf dem Couchtisch ab und griff nach der Tüte Flips, aus der er sich die Reste in den Mund schüttete. Morgen früh sollte er auch noch den Rasen mähen. Was für ein Zufall! Als hätte sein alter Herr – dieser Geizhals – nur auf ihn gewartet.

Aber er hatte im Moment weitaus größere Probleme. Seit kurzem war er seinen Job in der Autowerkstatt los, außerdem hatte er seinen letzten Penny fürs Wetten ausgegeben. Die Chancen, in Cedar Point einen Job zu finden, standen ebenfalls schlecht. Schon vor Jahren hatte ihn niemand einstellen wollen. Heute – mit seiner langen Liste an Straftaten – brauchte er es gar nicht erst zu versuchen. 

Frauen brachten nur Ärger – mittlerweile sollte er schlauer sein. Aber er konnte ja nicht wissen, dass die scharfe Blondine, die sich ihm so an den Hals geworfen hatte, die Nichte vom Boss war. Im Nachhinein, wäre es natürlich schlauer gewesen, seinen kleinen Dick in der Hose zu lassen. Kurz musste Dick lächeln, als ihm der Anblick von Tiffany durch den Kopf ging. Sie hatte auf der Motorhaube verdammt heiß ausgesehen. Dann war sein Boss hereingeplatzt und hatte die beiden in flagranti in dessen Werkstatt erwischt. Aber mit der Kündigung hatte er eindeutig übertrieben. Jeder in dem Kaff wusste doch, dass sie es mit der halben Stadt trieb. 

Geräuschvoll zog Dick den Rotz hoch, und kratzte sich dabei ungeniert im Schritt. Eigentlich sollte er dringend unter die Dusche, doch da er heute das Haus nicht mehr verlassen würde, hatte er alle Zeit der Welt.

Er hasste es, wieder hier zu sein – bei den perfekten Bürgern von Cedar Point. Aber er war nicht perfekt und würde es auch nie wieder sein. Den alten Dick gab es nicht mehr. Seine Gedanken wanderten zu Melissa und wieder einmal stiegen gemischte Gefühle in ihm hoch. Seine Highschoolliebe hatte ihn immer verstanden. Gemeinsam wollten sie raus aus dem Kaff und ein neues Leben anfangen, doch John MacKenzie hatte alles zerstört. Seine Zukunft, seine Träume und sein Leben waren vorbei gewesen. Er hatte ihm nicht nur Melissa weggenommen, sondern mit ihr dieses Balg in die Welt gesetzt!

Aber letztendlich hatte John MacKenzie am Ende gekriegt, was er verdient hatte. Sofort zeichnete sich ein hämisches Lächeln auf Dicks Gesicht ab, als er an seinen alten Rivalen dachte. Melissa hatte John von einem Tag auf den anderen verlassen und mittlerweile waren sie geschiedene Leute.

Dick schaltete den Fernseher aus und verkrümelte sich nach oben in sein Zimmer. Sein alter Herr würde sicher bald nach Hause kommen, und er hatte absolut keine Lust ihm über den Weg zu laufen. Der alte Knauser würde sich sonst sicherlich noch ein paar neue Aufgaben einfallen lassen, die er ihm aufhalsen konnte.

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