Neuanfang in Cedar Point

Leseprobe

Kapitel 1

John MacKenzie glaubte nicht mehr an Wunder – erst recht nicht nach diesem Sommer – dabei hatte er bis zuletzt gehofft, dass sich alles zum Guten wenden würde.  

Stattdessen musste er Männern kündigen, die seine Firma besser kannten als er, und sie zusammen mit seinem Vater aufgebaut hatten.

Jeff hatte in zwanzig Jahren keinem einzigen Mitarbeiter gekündigt, lieber hätte er geschlossen und wäre mit allen zusammen voller Stolz untergegangen. Doch blieb ihm nun eine andere Wahl? Hier ging es nicht nur um ihn, sondern um seine Mutter und seinen Sohn Jason – die einzigen Menschen, die ihm noch geblieben waren.

John trat aus der Scheune hinaus ins Freie. Sofort kniff er die Augen zusammen, denn das grelle Licht der Sonne traf ihn schmerzhaft in den Augen. Er zog sich sein Baseballcap tiefer ins Gesicht und machte sich daran, eine weitere Ladung Holz von der Ladefläche seines Pick-ups zu hieven. Mühelos griff er nach einem Paket Holzlatten, schulterte es und lief mit leichten Schritten zurück ins Gebäude. Um diese Jahreszeit war sein Lager immer gut bestückt, da nach den Sommerferien vermehrt Aufträge auf ihn warteten. Viele Kunden wollten vor dem Herbst und Winter noch ihre Häuser renovieren und Kleinigkeiten vornehmen lassen. Er ging zum hinteren Teil und konnte kaum etwas erkennen, da sich seine Augen nur mit Mühe an die Dunkelheit der alten Scheune gewöhnen wollten. Als er die Latten abgestellt hatte, hörte er jemanden reinkommen. 

„Hi Johnny, noch beschäftigt? Ich bin endlich mit den Vorbereitungen fertig – bald wird Jason kommen und die Party kann beginnen!“ 

Da stand sie, die einzige Frau in seinem Leben, auf die er sich immer hatte verlassen können. 

„Hi Mom, eine Ladung noch, dann komm ich rüber“, erwiderte John lächelnd. 

Anne MacKenzie setzte sich auf eine Palette und musterte ihren einzigen Sohn kritisch. 

„Ich habe vorhin den alten Samuel mit seiner Enkelin in der Stadt getroffen. Also wenn du mich fragst, sieht er nicht aus, als würde er Trübsal blasen. Hör endlich damit auf, dir Vorwürfe zu machen! Georg ist auch wohlauf, seine Frau ist sogar froh darüber, dass sie ihn nun endlich für sich hat“, fuhr Anne fort, ehe sie sich erhob und ihre Schürze glatt strich.

„Jetzt muss ich aber schnell ins Haus zurück, sonst ist mein Apfelkuchen hinüber!“ 

Mit diesen Worten verließ Anne die Scheune und ließ John einfach stehen. Dankbar schaute er seiner Mutter nach, die offenbar ein Gespür dafür besaß, wann er ihren Beistand brauchte. Trotzdem tat es ihm in der Seele weh, als er an Samuel und Georg dachte – die freiwillig Platz für die junge Generation gemacht hatten.

Nachdem John die letzten Paletten im Lager verstaut hatte, ging er in den kleinen Waschraum im vorderen Teil der Werkstatt und wusch sich Gesicht und Hände. Als er sich wieder aufrichtete, musterte er sich im Spiegel. Trotz seinen fünfundzwanzig Jahren wirkte er wie ein Teenager. Besonders im Sommer, wenn seine hellbraunen Haare von der Sonne ausgeblichen waren und seine Haut einen leichten Goldschimmer besaß. Seine braunen Augen glänzten von der Arbeit in der Hitze und der Schweiß floss ihm in feinen Linien am Hals und Nacken hinunter. Kaum zu glauben, dass Jason heute seinen sechsten Geburtstag feiern würde. Mit einem Lächeln auf den Lippen dachte er an seinen Sohn, der ihm so sehr ähnelte, dass es schon unheimlich war. Mit raschen Schritten ging er ins Haus hinüber, um seiner Mutter bei den letzten Vorbereitungen zu helfen.

„Gleich kommt er, zünde schonmal die Kerzen an!“, forderte Anne ihren Sohn aufgeregt auf.

 John griff nach dem Feuerzeug und zündete die sechs blauen Kerzen an, die seine Mutter liebevoll auf dem selbst gebackenen Apfelkuchen arrangiert hatte. Der köstliche Duft von warmen Äpfeln und Zimt durchströmte die Küche – ein Duft der sofort Kindheitserinnerungen in ihm weckte. Keine Minute später stürmte Jason zur Tür herein und schleuderte seinen Rucksack in die Ecke der Diele. Als er in die Küche kam, stockte ihm der Atem, denn damit hatte er nicht gerechnet. 

„Ein Computer? Du hast mir wirklich einen Computer gekauft, Dad?“, rief Jason aufgeregt. 

„Wie kommst du darauf, dass sich in diesem Paket ein Computer befindet?“, fragte John amüsiert. 

„Du kannst mir nichts vormachen, ich bin jetzt sechs Jahre alt!“, erwiderte Jason stolz. 

John hievte das Paket hoch und ächzte theatralisch. 

„Mal schauen, ob du auch schon so stark bist, wie du tust!“ 

Er drückte seinem Sohn das Paket in die Arme und freute sich, dass er mit dem Geschenk ins Schwarze getroffen hatte. 

„Ich hab Recht gehabt!“, rief Jason außer sich vor Freude. „Vielen Dank Dad, dann kann die Schule endlich losgehen!“

Kopfschüttelnd lächelte John seinen Sohn an und erwiderte gutmütig. „Aber ich glaube immer noch nicht, dass ein PC jetzt schon nötig gewesen wäre.“ 

„Oh doch, Davids großer Bruder ist in der Dritten und die machen schon ziemlich viele Sachen damit!“, plapperte Jason munter weiter. 

„Dann lass uns das Ding mal auspacken und anschließen“, erwiderte John amüsiert.

Anne, die bisher interessiert zugesehen hatte, mischte sich nun ein. 

„Aber nicht bevor Jason die Kerzen ausgepustet und wir alle ein Stück Kuchen gegessen haben.“ 

„Ok Grandma, solange kann ich gerade noch warten.“ 

Nachdem alle Platz genommen und jeder ein Stückchen Kuchen auf seinem Teller hatte, zog Anne aus der tiefen Tasche ihrer Schürze ein schmales Päckchen heraus. 

„Und das ist von mir, mein Schatz.“

Überrascht nahm Jason Annes Geschenk entgegen und bedankte sich brav, ehe er es öffnete. Etwas enttäuscht sah er auf das Buch von Mark Twain in seinen Händen. Er konnte doch noch gar nicht lesen. 

 „Das ist ein Klassiker – Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Dein Vater bekam vor vielen Jahren ebenfalls eine Ausgabe und ich erinnere mich noch, wie er – kaum dass er die ersten Buchstaben gelernt hatte – darin herumblätterte. Aber er musste sich noch etwas gedulden, bis dahin hat ihm sein Vater jeden Abend etwas daraus vorgelesen.“ 

In Erinnerungen versunken, lächelte John seine Mutter an, viele Jahre hatte er nicht mehr daran gedacht und er nahm sich vor, diese Tradition weiterzuführen – auch wenn er an manchen Abenden sicher keinen Nerv dafür haben würde. 

Als alle Teller leergeputzt waren, zogen sich die beiden Männer ins Wohnzimmer zurück. Zuerst hatte John mit dem Gedanken gespielt, den PC in Jasons Zimmer aufzustellen, doch dann hatte er sich anders besonnen. In einer gemütlichen Ecke im Wohnzimmer war noch Platz dafür, nämlich auf dem Sekretär seiner Mutter, die diesen bereitwillig für Ihren Enkel leergeräumt hatte. So hatte er eine Kontrolle über die PC-Zeiten und die Inhalte. Wie erwartet, hatte Jason daran nichts auszusetzen gehabt, denn so könne er nebenher noch fern schauen. Über diesen Kommentar lächelte John kopfschüttelnd hinweg und begann mit geschickten Griffen den PC samt Zubehör aufzubauen.

Nebenan in der Küche trank Anne noch eine weitere Tasse Kaffee. Hier fühlte sie sich am wohlsten. Dies hier war ihr Reich und es machte ihr nichts aus, ihren Sekretär Jason zu überlassen, denn sie hatte ihre Korrespondenz und Büroarbeit schon immer am gemütlichen Küchentisch erledigt. Hier kam die ganze Familie zusammen, während Anne ihre kochenden Töpfe und Pfannen überwachen konnte. Jeff hatte die Küche bereits vor einigen Jahren vergrößert, indem er die trennende Wand zum Esszimmer eingerissen hatte. Anfangs hatte sich Anne schrecklich über diese Aktion geärgert, doch er erwiderte nur, wozu sie ein ungenutztes Zimmer bräuchte. Wie sich nach wenigen Tagen – als der Umbau mitten in Gang war – herausstellte, war es eine von Jeffs besten Ideen gewesen. Warum war sie nicht selbst darauf gekommen? Durch den Abriss der störenden Wand, war die Küche nun um einiges größer, heller und viel freundlicher. Außerdem hatte ihr Jeff noch eine Kochinsel gemauert, über der all ihre Pfannen und Töpfe baumelten. John, der in diesem Sommer noch keinen Urlaub gebucht hatte, bot sich spontan an, eine geräumige Essecke samt Tisch zu zimmern. Dann war Anne nicht mehr aufzuhalten gewesen, fast den ganzen Sommer über war sie damit beschäftigt, Dekorationen für ihre neue Traumküche zu kaufen. Angefangen bei passenden Polstern und Überzügen für die selbst entworfene Essecke, über Gardinen und Geschirrtüchern, bis hin zu Kräutertöpfen und schön gerahmten Bildern.

Jeff bereute, im Spaße gegenüber Anne, schon sein Dummheit – doch er freute sich sehr, dass seine Frau nun ihre Traumküche hatte. Als leidenschaftliche Köchin und Bäckerin verbrachte Anne einen Großteil des Tages am Herd, außerdem hielt sie sich darüber hinaus auch hier auf. Wie sehr liebte sie es, an dem riesigen Tisch zu sitzen und etwas zu arbeiten. Handarbeit war ein weiteres Hobby, ebenso das Rätseln und Lesen. Anne war eine Frau mit vielen Interessen, doch ihre größte Hingabe galt ihrem Sohn und ihrem Enkel. Mit ihren fünfzig Jahren war sie immer noch eine attraktive Frau. Sie trug ihr Haar schon immer kurz. Mittlerweile wurden die dunkelblonden Haare jedoch von feinen grauen Strähnen durchzogen, was ihr nicht im Geringsten etwas ausmachte. Ihre grünen Augen strahlten vor Lebensfreude und ihre Figur war noch dieselbe wie früher. Nicht zu dick, aber auch nicht zu dünn. Anne war eben ein Genussmensch auf ganzer Linie. Sie hatte einen großen Bekanntenkreis und engagierte sich ehrenamtlich in der Schule als Nachmittagsbetreuung.

Keine halbe Stunde später hörte sie aus dem Wohnzimmer Jubelschreie und lautes Lachen, denn John und Jason lieferten sich am PC einen Wettkampf im Boxen. John hatte natürlich auch an ein paar Spiele gedacht, da er selbst wusste, welchen Spaß diese brachten. Anne warf einen Blick ins Wohnzimmer, um zu schauen, wie alles geworden war und schien mit dem Ergebnis zufrieden. Vielleicht konnte sie trotz ihres Alters auch noch etwas lernen, sie hatte von Freundinnen gehört, dass man im Internet neue Kochideen fand. Anne kehrte in die Küche zurück und machte sich nun daran, das Geburtstagsessen vorzubereiten – selbstgemachte Gnocchi mit Tomatensauce. Sechs Jahre alt war ihr kleiner Schatz nun, kaum zu glauben, dass er die letzten vier Jahre ohne Mutter durchs Leben ging. Anne konnte diese Tragödie immer noch nicht begreifen. Etwas niedergeschlagen begann sie damit Kartoffeln zu schälen, um sie in einem großen Topf zum Kochen zu bringen. Wenigstens – und dafür dankte sie dem lieben Gott – hatte Jason keinen Schaden davon getragen, John und sie gaben ihm alles, was er brauchte. Jason hatte sich schon immer tapfer geschlagen und war ein sehr aufgeweckter und kluger Junge. Wenigstens hatte John dieses Jahr auf das obligatorische Geschenk verzichtet. Es war keine gute Lösung, dem Jungen vorzugaukeln, seine Mutter dachte an ihn. Und sie wunderte sich schon, dass Jason noch nicht danach gefragt hatte. Anne verscheuchte ihre trüben Gedanken, indem sie das Radio andrehte. An manchen Tagen – wie auch heute – war die Stimmung so magisch, dass sie meinte, Jeffs Anwesenheit neben sich zu spüren. Sentimental sah sie aus dem Fenster und wünschte sich, ihr Mann würde nur noch ein einziges Mal zurückkehren. Bald würde der Duft von kochenden Tomaten ihre beiden Lieblinge in die Küche locken – bis dahin hatte sie noch etwas Zeit für sich und ihre Erinnerungen.

„Dad, das ist das allerbeste Geschenk aller Zeiten!“ Jason fiel seinem Vater stürmisch um den Hals und John erinnerte sich an früher, als er keinen Schritt machen konnte, ohne dass Jason an seinen Fersen geklebt hätte. John hatte damit gerechnet, dass er nicht für immer im Mittelpunkt stehen würde, aber jetzt da sein Junge immer selbstständiger wurde, musste er sich eingestehen, dass ein Teil von ihm dieser Zeit hinterhertrauerte. Umso älter John wurde, umso mehr konnte er seine eigenen Eltern verstehen. Das Bangen und Warten, wenn Jason nicht zur vereinbarten Zeit um die Ecke kam. Die nervöse Unruhe, die sich breitmachte, wenn Jason nur fünf Minuten später nach Hause kam. Jetzt wo er selbst Vater war, konnte er gar nicht anders. Die Nächte, als er leidend neben Jasons Bett gesessen und über dessen unruhigen Schlaf gewacht hatte, als dieser fieberte oder von Alpträumen gequält wurde. 

„Na ihr beiden, habt ihr keinen Hunger? Essen ist fertig!“ Anne kam ins Wohnzimmer und stemmte die Hände in die Hüften. 

„Was, Essen ist schon fertig? Das ging aber schnell!“, rief Jason aufgeregt und rannte in die Küche um es sich auf seinem Lieblingsplatz bequem zu machen, John und Anne folgten ihm. 

„Aber bitte mit extraviel Parmesan, Grandma“, bat Jason, als er Anne seinen Teller reichte. 

„Dann lasst es euch schmecken. John, bleibt es morgen dabei, dass wir den Wocheneinkauf erledigen? Ich habe nämlich mit Entsetzen festgestellt, dass sich meine Vorräte leeren!“ Anne zeigte betroffen auf die Speisekammer. 

„Natürlich Mom, auch wenn ich davon überzeugt bin, dass der Inhalt deiner Kammer bestimmt noch für die ganze Nachbarschaft reichen würde und zwar für vier Wochen!“, erwiderte John amüsiert.

 „Jetzt übertreibst du aber, Johnny. Du weißt, dass ich gerne etwas mehr auf Vorrat habe“, sagte Anne entschuldigend.

Jason, der den beiden zugehört hatte, grinste nur vor sich hin und ließ sich nicht beim Essen stören. 

„Sollen wir morgen früh gleich um neun in den Supermarkt fahren oder erst nach dem Mittag?“, fuhr Anne fragend fort.

„Gleich Morgen früh wäre es mit ehrlich gesagt lieber“, erwiderte John und wandte sich nun an seinen Sohn. 

„Jason, was hältst du davon, wenn ich dir noch ein bisschen aus deinem neuen Buch vorlese?“

„Wirklich, Dad? Das wär super!“, antwortete Jason mit einem breiten Lächeln und wischte sich die Tomatensoße aus dem Gesicht.

 John, der nun auch fertig war, stand auf und trug seinen und Jasons Teller zur Spüle. 

„Aber nur wenn du jetzt ins Bad gehst, dir die Zähne putzt und dich schon umziehst. Ich bin in zehn Minuten oben.“ 

„Ok, alles klar. Gute Nacht Grandma und danke für das Buch. Die Gnocchi waren echt lecker!“ Jason drückte Anne einen Gute-Nacht-Kuss auf die Wange.

 „Gute Nacht Jason und schlaf gut.“ 

Anne stand nun auch auf und machte sich daran den Tisch abzuräumen. Als Jason aus dem Zimmer war, kam John zu ihr und schaute sie gequält an. „Er hat noch nicht danach gefragt, aber so wie ich ihn kenne, wird er es nicht vergessen haben. Was soll ich ihm nur sagen?“ 

Anne legte nun die Teller ab und schaute John mitfühlend an. „Wenigstens hast du dieses Jahr auf mich gehört und bist nicht wieder losgezogen um ihm ein Geschenk im Auftrag seiner Mutter zu kaufen – von der gefälschten Glückwunschkarte ganz zu schweigen. Er wird größer und sobald er es versteht, wird er dir die Schuld geben, wenn du ihm weiter etwas vormachst.“ 

John ging nun unruhig in der Küche umher. „Ich wünschte Dad wäre noch hier, er wüsste, was richtig wäre.“ 

Anne lächelte verständnisvoll. „Ja, da hast du wohl Recht, aber in diesem Fall musst du selbst zu einer Lösung kommen.“ 

Anne begann damit, die Teller in die Spülmaschine zu räumen und das übrige Essen für den Kühlschrank zurechtzulegen. John, der ihr eine Weile zugesehen hatte, trat nun den Rückzug an. „Da muss ich wohl durch, ich hoffe nur, dass ich damit nicht alles schlimmer mache. Gute Nacht, Mom.“

Anne drehte sich kurz um und nickte John verständnisvoll zu. 

“Gute Nacht mein Junge.“ 

John verließ die Küche und stieg die Treppen zum ersten Stock hinauf. Am Ende des Flurs befanden sich sein Schlafzimmer und Jasons Kinderzimmer. Leise trat er ein und bemerkte Jason, der schon seinen Schlafanzug trug und neugierig im Buch blätterte. John konnte sich wirklich nicht beklagen, Jason war ihm gut gelungen. Also war seine Erziehung doch nicht so übel gewesen. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie ihn seine Ex-Frau immer aufgezogen hatte, dass er den Jungen zu sehr verwöhnen und verziehen würde. Dabei war Jason erst zwei Jahre alt gewesen! Melissa hatte an allem etwas auszusetzen gehabt. Hatte es überhaupt eine Zeit gegeben, in der sie zufrieden gewesen war? Nun hatte sie wohl das gefunden, was sie wollte, denn John hatte seit vier Jahren nichts mehr von ihr gehört. 

„Hallo Dad, ich bin schon fertig“, rief Jason fröhlich, als er seinen Dad entdeckte und klopfte auffordernd neben sich aufs Bett, „und das Buch hab ich auch schon parat.“ 

John trat näher und machte es sich neben Jason bequem. 

„Dann lass uns mal anfangen.“ John nahm seinem Sohn das Buch aus der Hand und begann ihm daraus vorzulesen. Jason lehnte sich an seinen Vater und hörte interessiert den Abenteuern von Tom Sawyer zu. John las mit ruhiger Stimme und als er nach einer Weile von seinem Buch aufsah, bemerkte er, dass Jason an seiner Schulter eingeschlafen war. Leise legte er das Buch auf die Seite und versuchte vorsichtig seinen schlafenden Sohn aufs Kissen zu legen. Als ihm das gelungen war, deckte er ihn zu und steckte die Decke um ihn fest. 

„Gute Nacht mein Schatz. Ich liebe Dich“, flüsterte er und beugte sich herunter um ihm einen Kuss auf die Stirn zu geben. Wie sehr liebte er diesen unschuldigen Duft, nicht mehr lange und Jason würde nicht mehr nach kleinem Jungen und Schokolade riechen. Liebevoll streichelte er ihm über den Kopf und schaltete die Nachttischlampe aus, ehe er leise aus dem Zimmer schlich und die Tür wie jeden Abend einen Spalt breit offen ließ.

***

Catherine griff nach einem weiteren Umzugskarton und schüttelte erneut den Kopf. Wie hatte sie nur so viel Unrat zusammentragen können? Sie klappte den Karton auf und entdeckte sorgsam verpackte Bilderrahmen – wenigstens etwas Sinnvolles. Genauso wie ihre Bücher und CD-Sammlung, die sie vor kurzem bei ihrer Großtante abgeholt hatte – ihrem Zuhause, bevor sie zu Gregor gezogen war. Damals hatte sie nicht viel darüber nachgedacht, als er sie bat ihre gut bestückte Büchersammlung zurückzulassen. Aber mit der Zeit wurde ihr klar warum – diese Staubfänger – wie er die meisten ihrer persönlichen Dinge nannte, passten nicht in sein puristisches Appartement.

Leider hatte sie auch viel Nippes mitgenommen. Hätte sie nur vorher nachgedacht und vor dem Einpacken ausgemistet. Nachdem sie den Karton geleert hatte, faltete sie ihn flach auseinander und legte ihn auf den bereits riesigen und gefährlich wackelnden Turm von vierzehn Umzugskartons. Nur noch drei Stück und sie würde fertig sein. Zum Glück hatte sie nur ihre persönlichen Dinge mitgenommen, die Möbel hatte sie ohne Bedauern in Gregors Appartement zurückgelassen. Schon Wochen zuvor hatte sie sich eigene bestellt und in ihrer neuen Bleibe aufbauen lassen. Möbel, die ihrem Geschmack entsprachen und nicht solche Designerteile, die eine unpersönliche Krankenhausatmosphäre ausstrahlten. Wenn sie nun zurückdachte, musste sie sich eingestehen, dass sie sich noch nie in Gregors Appartement wohlgefühlt hatte – dann noch seine penible Sauberkeit, die schon an eine Zwangsneurose grenzte. Anfangs fand sie es toll, dass zweimal die Woche eine professionelle Putzfrau kam, aber nach kurzer Zeit, konnte sie sich nicht mehr daran erfreuen. Gregor tickte schon beim kleinsten Staubkorn aus. Er hatte seine gesamte Garderobe nach Farben sortiert und jedes Kleidungsstück musste nach einmaligem Tragen gewaschen werden. Von der Küche ganz zu schweigen, dort war alles bestens sortiert und durfte nicht benutzt werden. Es kam schon so weit, dass sie immer auswärts essen gingen, weil Gregor die Unordnung, welche Catherine angeblich verursachte, nicht dulden konnte. Schon bald fühlte sie sich wie in einem goldenen Käfig. Sogar die Lebensmittel standen in Reih und Glied nebeneinander – gleich neben Gregors Vitaminpillen.

Zum Glück hatte ihr ältester Cousin gestern Zeit gehabt und war den großen Umzugswagen gefahren – alleine hätte sie es vermutlich nicht geschafft. Catherine schaute sich müde um und war mit dem Ergebnis zufrieden.

Dann warf sie einen Blick auf die Uhr und stellte überrascht fest, dass es schon fast acht Uhr abends war. Fünfhundert Kilometer weiter östlich würde Gregor bald in seinem Appartement eintreffen und feststellen, dass seine Verlobte gegangen war. Es war Samstagabend und er würde von einem einwöchigen Kongress für Medienanwälte zurückkehren, auf welchem er sich mit Sicherheit profiliert hatte. Aber war ihr eine andere Wahl geblieben? Das Einzige, was sie zurückgelassen hatte, waren ein Abschiedsbrief auf dem Designertresen in der Küche und der extravagante Verlobungsring von Tiffany’s. Sie bereute schon seit geraumer Zeit, seinen Antrag überhaupt angenommen zu haben – eigentlich schon wenige Tage später. Aber er hatte sie so davon überzeugt, dass sie füreinander geschaffen waren, dass sie gar nicht bemerkt hatte, wie abhängig sie schon von ihm war. Sogar ihren Beruf hatte sie ihm zu liebe an den Nagel gehängt. Und schon bald musste sich Catherine eingestehen, dass sie sich mit ihm keine gemeinsame Zukunft vorstellen konnte. Früher war sie lebensfroh und spontan gewesen, aber in letzter Zeit fühlte sie sich nur noch als schmückendes Inventar einer durchgestylten Wohnung und als attraktives Anhängsel eines erfolgreichen Mannes. Aber Gregor hatte davon nichts hören wollen und ihre Einwände und Sorgen mit einem Kopfschütteln abgetan, selbst als sie ihm den Vorschlag unterbreitete, sich vorerst nur räumlich zu trennen. Aber er war einfach nicht auf ihre Belange eingegangen und genervt in seine Kanzlei gefahren. 

Als sich Catherine mal wieder in Gregors Appartement gelangweilt hatte, war sie zum ersten Mal an seinen PC gegangen. Aufgeregt hatte sie sein Passwort eingetippt und war intuitiv auf eine Seite mit Jobangeboten gelangt. Dort war sie die Stellenausschreibungen im Bereich Pädagogik durchgegangen – mit angehaltenem Atem – als würde Gregor sie jeden Moment erwischen. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, als ihr Blick auf eine Anzeige fiel und automatisch griff sie zu Papier und Stift, um sich die Kontaktdaten aufzuschreiben. In diesem Moment war Gregor unwichtig und weit weg gewesen. Sie hatte die perfekte Lösung für ihr Problem gefunden. Sie würde Gregor verlassen und endlich wieder zu leben anfangen – als Lehrerin in einem verschlafenen Nest namens Cedar Point.

Sie konnte es kaum erwarten wieder Musik zu unterrichten. Dies war ein weiterer Bereich in ihrem Leben, der unter Gregors Hand gelitten hatte – dabei lernten sie sich auf einem Musikfestival kennen und lieben! Catherine hatte nie an Liebe auf den ersten Blick geglaubt, aber an diesem Sommertag wurde sie eines Besseren belehrt. Gregor schien die Musik genauso sehr zu lieben wie sie. Er erzählte ihr, dass er als Kind jahrelang Klavier und Gitarre gespielt hatte, doch davon war nichts mehr übrig geblieben – wie sie mit der Zeit feststellen musste. Gregor war ein Blender und das von der übelsten Sorte. Aber das kam seinem Beruf nur zu Gute. Als frisch gebackener Anwalt für Medienrecht vertrat er schon bekannte Musikgrößen – und das nur, weil er sich in den wenigen Jahren, durch seine direkte und knallharte Art, einen Namen gemacht hatte. 

Catherine begann damit, die Küchenschränke auszuwaschen, und stellte sich vor, es wäre ihr eigenes Haus. Schade, dass es nicht zum Verkauf stand, denn Catherine hatte sich sofort in das weiße Holzhaus verliebt. 

Sorgfältig schälte sie ihre Lieblingstassen aus dem Zeitungspapier und stellte sie in Reih und Glied auf. Für einen Moment war sie so vertieft, dass sie es nicht einmal bemerkte – als Catherine aber erneut aufsah, erschrak sie und stellte schnell alles um und zwar nach ihrer Laune und nicht nach Gregors. Als Nächstes nahm sie sich einen Notizblock und verfasste eine zweiseitige Einkaufsliste, denn außer Kaffee- und Milchpulver hatte sie in der Küche nichts aufgefunden. Gleich morgen früh, würde sie in den riesigen W-Markt an der 59. fahren und ihre Besorgungen machen. Müde von dem langen und anstrengenden Tag räumte sie noch die Umzugskartons in den Keller und schloss alle Fenster und Türen. Mit letzter Kraft schleppte sie sich ins Schlafzimmer und ließ sich samt Klamotten aufs Bett fallen.

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