New York Christmas Story

Leseprobe

1

Dezember 2000

„Und die wunderschöne Fee zückte ihren Zauberstab und verwandelte das zerrissene Kleid in ein glitzerndes Gewand, die grauen Mäuse in stattliche Kutscher und einen Riesenkürbis in eine goldene Kutsche.‘“

Ruby Mitchell legte das dicke Märchenbuch auf dem Nachttisch neben dem Kinderbett ab und steckte anschließend die kuschelige Daunendecke um ihre Enkeltochter fest. Mit einem Lächeln auf den Lippen streichelte sie Cathlyn eine blonde Strähne aus der Stirn, bevor sie sie liebevoll tadelte. „Aber jetzt wird endlich geschlafen, junge Dame. Es ist fast elf und das war wirklich die allerletzte Geschichte für heute.“

„Aber, Grandma, du weißt doch, wie sehr ich Märchen liebe.“ Ein verhaltenes Gähnen unterbrach den schwachen Protest des kleinen Mädchens, dann rieb es sich müde die Augen. „Außerdem kann doch niemand so toll vorlesen wie du.“

Ruby schmunzelte. Ihre Kleine wusste ganz genau, wie sie sie um den Finger wickeln konnte. Schlagartig mischte sich Traurigkeit in ihre Gedanken, denn sie wusste auch, dass sie die Einzige war, die Cathlyn überhaupt noch vorlas. Seit ihr Schwiegersohn im vergangenen Jahr nach dem Tod ihrer Tochter wieder geheiratet hatte und seine neue Frau samt ihren Zwillingstöchtern bei ihm eingezogen waren, hatte sich vieles verändert.

So kam es immer häufiger vor, dass Cathlyn die Wochenenden lieber hier bei ihnen in Queens verbrachte, wie ihre Enkelin Ruby anvertraut hatte, als auf Long Island, da das prachtvolle Haus mit Personal mittlerweile „Cruellas“ Anstrich bekommen hatte. Von dem gemütlichen Nest, das ihre Tochter einst so liebevoll eingerichtet hatte, war nichts mehr übrig geblieben. Stattdessen wirkte das große Haus nun wie ein Museum, unpersönlich und kalt. Es tat ihr in der Seele weh, wenn sie daran dachte, dass ihr einziges Enkelkind mit so einer furchtbaren Person und deren verzogenen Gören aufwachsen musste.

Plötzlich heulte der Wind, der bereits seit dem Abendbrot tobte, laut auf und rüttelte so heftig am Dachstuhl ein Stockwerk über ihnen, sodass sie es auch in dem kleinen Gästezimmer im Obergeschoss, direkt gegenüber dem Schlafzimmer ihrer Großeltern, knarren hörten. Erschrocken sahen sich die beiden an, ehe Cathlyns Blick zum Fenster fiel.

„Grandma, sieh doch, es schneit!“

Ehe Ruby ihre Enkelin zurückhalten konnte, war diese aus dem kuscheligen Bett gesprungen. Fest drückte sie ihre Nase an die Fensterscheibe, an der sich im Laufe des Abends etliche winzig kleine Eiskristalle gebildet hatten.

Für einen Moment verfolgte auch sie gebannt das Schauspiel, das sich draußen abspielte, bis Cathlyn nach ihrer Hand griff. Mit Tränen in den Augen sagte das Mädchen: „Ich vermisse Mom … Ob sie mir so vom Himmel ein Zeichen schickt? Das macht sie immer, wenn ich sie ganz arg vermisse.“

Ruby warf einen letzten Blick auf die dicken Schneeflocken, die nun überall am Fenster klebten, und drückte Cathlyn an sich. Nur mit Mühe gelang es ihr, den dicken Kloß im Hals herunterzuschlucken, um ihrer Enkelin zu antworten. „Da bin ich mir ganz sicher, mein Schatz.“

2

20 Jahre später

Wild wirbelte der Schnee in dicken Flocken durch die Straßen, als sich die Pforten zum Macy’s, New Yorks größtem und ältestem Kaufhaus, öffneten. Über dem Eingang prangte ein überdimensionaler Weihnachtskranz aus Tannenzweigen mit einer tiefroten Schleife, während unzählige Lämpchen die Fassade des alterwürdigen Gebäudes am Herald Square zum Leuchten brachten.

Endlich war es wieder so weit: Die Weihnachtssaison war eröffnet. Manhattan zeigte sich von seiner märchenhaftesten Seite und lockte so Tausende von Touristen und Romantikern in die Stadt. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sich auch an diesem Freitagmorgen die festlich dekorierten Gänge und Abteilungen des Warenhauses mit Kundschaft füllten. Heimlicher Star war jedoch, wie in jedem Jahr, der hauseigene Weihnachtsmann, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem „echten“ Santa hatte und seit nunmehr 150 Jahren Tradition war.

Cathlyn Jones warf einen letzten Blick in den Spiegel und trat aus dem Aufenthaltsraum hinaus in den Laden. In wenigen Minuten würde sich dieser Bereich der Damenabteilung mit den Frauen der Upperclass füllen, die fest entschlossen waren, die Kreditkarten ihrer Ehemänner zum Glühen zu bringen.

Cathlyn überprüfte ein weiteres Mal die Auslagen: bunte Cashmere-Pullis, metallicfarbene Daunenjacken, Mäntel mit Nerzbesatz, gefütterte Lammfellboots und, der Renner in dieser Saison, Skibekleidung, mit der frau auch in der Stadt eine tolle Figur machte. Sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als ihr Blick auf eine neongrüne Hose fiel. Na ja, über Geschmack ließ sich bekanntlich streiten …

Automatisch griff sie nach dem Preisschild – und machte große Augen. Wie zu erwarten, lag der Wert weit über ihrem Monatsgehalt – obwohl die Preise sie nach fünf Jahren als Verkäuferin eigentlich nicht mehr überraschen sollten. Doch bei diesem Stück rechtfertigte nicht einmal das Material die dreitausend Dollar. Die neongrüne Skihose hätte ebenso gut von der Stange sein können.

Erst vor Kurzem hatte Cathlyn ein ähnliches Modell bei Target gesehen, als sie mit ihrer Grandma unterwegs gewesen war. Hin und wieder wurde sie in dem riesigen Supermarkt in Queens sogar selbst fündig, aber „solche Art von Kleidung“ war hier nicht erwünscht, wie ihr Vorgesetzter bereits damals beim Vorstellungsgespräch nach einem Blick auf ihr Outfit klargestellt hatte.

Umso überraschter war Cathlyn gewesen, dass sich die Verkäuferinnen der High-End-Produkte nach Lust und Laune im Lager bedienen konnten. Eigens zu diesem Zweck schickten die Designer zusätzliche Outfits, damit die Angestellten gleichzeitig als lebendige Mannequins fungieren konnten. Cathlyn liebte es, sich zumindest für den Job herauszuputzen – obwohl, verkleiden kam der Sache wohl näher, in ihrer Freizeit liebte sie es schließlich bequem.

„Cathlyn, guten Morgen, meine Liebe!“

Aus ihren Gedanken gerissen, drehte sich Cathlyn überrascht nach der ihr bekannten Stimme um und entdeckte Dana Carter, eine ihrer Stammkundinnen, mit glühenden Wangen auf sie zusteuern. Heute steckte die Brünette in einem grauen Wollmantel und kuscheligen Stiefeln, die ihren klassischen Stil perfekt unterstrichen.

„Guten Morgen, Mrs Carter. Wie geht’s Ihnen?“ Cathlyn schenkte der eleganten Dame ein breites Lächeln und lief ihr eilig entgegen. Von all ihren Kundinnen mochte sie Dana am liebsten. Sie war bodenständig, nett und hatte ein großes Herz.

„Mir geht es prima, Cathlyn“, erwiderte Dana gut gelaunt, ehe sie sich erstaunt umsah. „Bin ich etwa die Erste? Das würde bedeuten, ich habe noch freie Auswahl, bevor die Aasgeier kommen!“

„Ganz genau und zufälligerweise haben wir heute auch ein neues Ensemble von Ihrem Lieblingsdesigner bekommen“, informierte Cathlyn Dana in verschwörerischem Tonfall.

„Wirklich? Ach, das ist ja wunderbar!“, jauchzte Mrs Carter und legte sich die Hand auf die Brust. „Das trifft sich ausgezeichnet, schließlich findet in drei Wochen mein alljährlicher Winterball im Plaza statt. Sie müssen kommen, Cathlyn. Sobald die Einladungen da sind, bringe ich Ihnen eine vorbei.“

Wehmütig sah Cathlyn Dana Carter an und Erinnerungen an längst vergessene Dinnerpartys im Hause ihrer Eltern brachen über sie herein. Als Kind hatte sie es geliebt, sich für solche Gelegenheiten herauszuputzen. Ihre Mom hatte ihr eigens dafür die schönsten Kleider bestellt und ihr sogar die Haare aufgedreht. Doch seitdem „Cruella“ das Zepter übernommen hatte, war Cathlyn während dieser Veranstaltungen lieber den ganzen Abend auf ihrem Zimmer geblieben, um zu lesen.

Mit einem besorgten „Cathlyn?“ riss ihre Stammkundin sie aus den Gedanken und sah sie fragend an.

„Vielen Dank, Mrs Carter, das hört sich wirklich fantastisch an, aber ich weiß nicht, ob ich da reinpasse“, erwiderte Cathlyn betrübt lächelnd.

Dana legte ihr mütterlich die Hand auf den Arm und sah sie liebevoll an. „Es sind ja noch drei Wochen. Überlegen Sie es sich in Ruhe. Ich jedenfalls würde mich sehr freuen, wenn Sie kämen.“

Bei Danas liebevoller Geste und ihrer sanften Stimme wurde Cathlyn sofort warm ums Herz. Für einen kurzen Moment war sie versucht, der Einladung spontan zuzusagen, dann verließ sie jedoch der Mut. „Ich werde es mir ganz sicher überlegen, Mrs Carter“, anwortete sie stattdessen mit fester Stimme.

Dana schenkte der jungen Frau ein zufriedenes Lächeln und antwortete mit einem Augenzwinkern: „Sie werden es nicht bereuen, meine Liebe. So, jetzt zeigen Sie mir endlich das Schmuckstück, von dem Sie geredet haben. Ich hoffe, es funkelt schön, denn das Motto dieses Jahr lautet ‚Wintermärchen‘.“

„Dann habe ich genau das Richtige für Sie.“ Cathlyn grinste breit und führte Dana aufgeregt in den Bereich für Abendmode.

Das neue Kleid von Valentino war ganz einfach perfekt für sie. Schlicht, elegant und gut mit ihren üblichen Accessoires zu kombinieren. Darauf hatten die beiden Frauen immer ein besonderes Augenmerk, wenn sie Danas Garderobe aussuchten. Die Kleidung durfte auf keinen Fall zu bunt sein, weshalb sie oft über Beige, Schwarz, Grau oder Marine nicht hinauskamen. Im Gegenzug durften die Schuhe und Handtaschen etwas auffälliger sein. Außerdem trug ihre Stammkundin für ihr Leben gern Perlen und wurde nicht müde, ihr bei jeder Gelegenheit eine kleine Anekdote aus ihrem bewegten Leben zu erzählen. Und Cathlyn wurde ihrerseits nicht müde, ihr spannend zu lauschen. Deshalb freute sie sich ganz besonders, dass der heutige Montagmorgen mit einem Besuch von Mrs Carter begann.

Vorsichtig griff Cathlyn nach dem Kleid. Auf den ersten Blick wirkte es unscheinbar, doch wenn der Stoff sich bewegte, kamen die unzähligen Pailletten zum Vorschein, die vom Licht reflektiert wurden und die Umgebung in ein funkelndes Meer verwandelten. Auch Cathlyn verschlug es bei dem Anblick noch immer den Atem.

Erwartungsvoll sah sie zu Dana, die sprachlos die Hände vor den Mund hielt und das Kleid mit verklärtem Blick ansah. Es schien, als würde Dana jedes winzige Detail des aufwändig bestickten Kleides in sich aufnehmen.

„Einfache Ohrstecker und die Samtpumps, die Sie neulich gekauft haben, machen das Outfit perfekt“, schlug Cathlyn lächelnd vor.

„Ich bin verliebt! Und wie schön es funkelt!“ Für einen Augenblick wirkte die Dame wie ein junges Mädchen, das mit großen, glänzenden Augen ein Prinzessinnenkleid bewunderte, doch dann mischte sich ein Ausdruck von Wehmut in ihren Blick. „Wie schade, dass mich mein Henry nicht mehr in diesem Kleid sehen kann.“

Cathlyn sah ihre Kundin mitfühlend an. Henry Carter musste ein unglaublicher Mann mit einem großen Herz gewesen sein. Beinahe jedes Mal, wenn sie sich trafen, kam Mrs Carter nicht umhin, ihn zu erwähnen. Sie erzählte von den Geschäftsreisen ins Ausland und den gemeinsamen Abenteuern, die sie dort erlebt hatten. Besonders gerne mochte Cathlyn die Geschichten über Spanien oder Frankreich … Länder, die sie selbst irgendwann einmal gerne besuchen würde.

Mrs Carter wirkte jedoch keineswegs betrübt oder in Trauer, wenn sie von der gemeinsamen Zeit und den vielen sozialen Projekten erzählte, die ihr Mann unterstützt hatte, sondern stolz und voller Tatendrang. Sie hatte es sich nämlich zur Aufgabe gemacht, sein Vermächtnis fortzuführen.

„Dann probiere ich dieses schicke Teil doch gleich mal an.“ Mrs Carter zwinkerte Cathlyn verschwörerisch zu, als sie gemeinsam die Umkleide ansteuerten.

„Guten Morgen, Mrs Carter! Wie schön, dass Sie uns beehren!“ Wie aus dem Nichts kam in dem Moment Cathlyns Chef Mr Hector hinter einem Kleiderständer hervor und entlockte ihr so ein Augenrollen. Er musste sie einfach zu jeder Zeit kontrollieren.

Neugierig warf er einen Blick auf das Paillettenkleid. „Oh, eine ausgezeichnete Wahl!“, fuhr er mit einem schleimigen Lächeln fort. „Ich hoffe, alles ist zu Ihrer vollsten Zufriedenheit?“

Beinahe unauffällig gelang dem kleinen, glatzköpfigen Mann mit Nickelbrille ein Seitenblick auf Cathlyn, durch den er wahrscheinlich ihr heutiges Outfit in Sekundenschnelle musterte. Anscheinend zufrieden mit dem, was er sah, wandte er sich wieder Mrs Carter zu.

„Das Valentinokleid ist wie für Sie gemacht! Darf es denn noch etwas sein? Passende Schuhe oder vielleicht ein neues Täschchen?“, fragte er übereifrig weiter und schnitt Cathlyn nicht nur den Weg, sondern auch sie von ihrer Kundin ab, während er ihr das Kleid förmlich aus der Hand riss.

Irritiert starrte Mrs Carter den hageren Mann mittleren Alters an, bevor ihr Blick auf dessen Hemd fiel, das über und über mit kleinen rosafarbenen Pudeln bedruckt war.

„Ich darf doch sehr bitten“, war alles, was sie sagte, und nahm ihm mit einem Lächeln, aber dennoch bestimmt das Kleid wieder ab. „Ms Jones kümmert sich bereits hervorragend um mich.“

„Ja, sicher“, flötete der Leiter der Damenabteilung und schob seine Mitarbeiterin nach vorne. „Cathlyn, auf was warten Sie noch?“

Cathlyn unterdrückte ein genervtes Schnauben und schenkte ihrem Vorgesetzten stattdessen ein freundliches Lächeln, ehe sich dieser mit einer lächerlichen Verbeugung von Mrs Carter verabschiedete.

„Was für ein Schleimer und dann noch sein gruseliger Modegeschmack!“, entfuhr es Mrs Carter, als Cathlyns Chef hinter der nächsten Ecke verschwunden war. „Wie halten Sie es nur mit dem Kerl aus?“

Cathlyn hob entschuldigend die Hände. „Na ja, ich liebe es eben hier bei Macy’s – und daran kann nicht einmal mein Boss etwas ändern.“ Ein zartes Lächeln bildete sich auf ihren Lippen, als sie begann, in Erinnerungen zu schwelgen. „Schon als kleines Mädchen war ich fasziniert von den Dekorationen, den gefüllten Regalen, nicht zu vergessen die Feinkostabteilung und unser weltbekannter Santa.“

Mrs Carter seufzte verträumt und sah Cathlyn verständnisvoll an. „Ich weiß genau, was Sie meinen, meine Liebe. Da würde ich auch Opfer bringen.“

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